„Die KI hat gesagt …“ – Wie Ärztinnen und Ärzte souverän reagieren können
Shownotes
In der dritten Folge von „Praxisimpulse: KI in der Sprechstunde“ geht es um Situationen, die viele Ärztinnen und Ärzte inzwischen aus dem Praxisalltag kennen: Patient:innen bringen ChatGPT-Auswertungen mit, legen umfangreiche KI-generierte Befunde vor oder verweisen auf Therapieempfehlungen einer künstlichen Intelligenz.
Unsere Expertin Dr. Alexandra Widmer stellt sechs typische Situationen vor und zeigt, wie sich diese Gespräche konstruktiv und professionell gestalten lassen, ohne die Patient:innen zurückzuweisen und ohne die eigene fachliche Expertise aufzugeben.
Impulse aus der Folge: • Wie Sie reagieren können, wenn Patient:innen umfangreiche KI-Analysen mitbringen • Warum es wichtig ist, Informationen wieder in eigenen Worten schildern zu lassen • Wie Sie mit Therapieempfehlungen aus ChatGPT umgehen • Was hinter dem Begriff „Cyberchondrie“ steckt • Warum Wertschätzung und klare Einordnung wichtiger sind als Konfrontation • Weshalb die Dokumentation von KI-bezogenen Gesprächen zunehmend relevant wird
Für alle, die verstehen wollen, wie sich die ärztliche Rolle verändert, wenn KI als zusätzliche Stimme in der Sprechstunde präsent ist und wie ein souveräner Umgang damit gelingen kann.
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Transkript anzeigen
00:00:07: Praxisimpulse: Künstliche Intelligenz in der Sprechstunde.
00:00:11: Fünf Minuten über die Zukunft der Arzt-Patient-Beziehung, mit Dr.
00:00:15: Alexandra Widmer.
00:00:17: Eine Audiokolumne von Gelbe Liste Online.
00:00:21: Neulich saß eine Patientin bei mir und mitten im Gespräch über ihre neue Medikation sagte sie: "Aber ChatGPT hat mir gesagt ich solle das lieber absetzen."
00:00:31: So ganz beiläufig. Und trotzdem merkte ich, dass sich die Stimmung im Raum ein wenig veränderte,
00:00:38: ich kurz ins Stocken geriet und dachte: Was sage ich denn jetzt?
00:00:42: Und damit hallo und herzlich willkommen bei den Praxisimpulsen, der Audiokolumne der Gelben Liste.
00:00:49: Mein Name ist Alexandra Widmer, ich bin Neurologin Psychotherapeutin und beschäftige mich lange mit der digitalen Transformation und insbesondere der Veränderung der ärztlichen Rolle im Rahmen der ganzen technologischen Entwicklungen. die wir haben.
00:01:07: Was mich an so einem Moment, wie dem mit der Patientin, beschäftigt, ist jetzt gar nicht so sehr die Rechtslage, denn die ist ja eigentlich klar.
00:01:16: Der Deutsche Ärztetag hat erst im letzten Jahr noch mal festgehalten: Diagnose und Therapie bleibt ärztliche Aufgabe. Und auch der EU AI Act sagt eindeutig: KI im Gesundheitswesen ist ein Hochrisikosystem, wo der Arzt mit dabei ist und die KI natürlich nicht selbstständig entscheiden kann.
00:01:42: Soweit die rechtliche Seite.
00:01:44: Aber was mich wirklich beschäftigt: Wie reagiere ich denn in so einem Moment, wenn ein Patient diese KI-Befunde mitbringt?
00:01:54: Auf der einen Seite, um den Patienten nicht zu verlieren, und auf der anderen Seite natürlich meine eigene fachliche Expertise zu vertreten.
00:02:03: Und ja, um gemeinsam im Gespräch zu bleiben.
00:02:07: Mittlerweile habe ich ungefähr sechs Situationen identifiziert, die ich immer wieder erlebe und ich Folgendes sage. Und die ich gerne hier mit dir einmal teilen möchte. Also, wenn mir eine Patientin oder ein Patient wortlos vierzig Seiten auf den Tisch legt und sagt: "Hier, das hat mir die KI über meine Befunde und meine Therapie der letzten Jahre gesagt."
00:02:34: Dann sage ich meistens: "Sie können sich vorstellen, das werde ich jetzt mir nicht komplett durchlesen.
00:02:38: Das würde die Zeit auch komplett sprengen.
00:02:41: Aber erzählen Sie doch einmal in Ihren eigenen Worten was für Sie daraus das Wichtigste ist."
00:02:47: Denn auch hier sehen wir schon oder sehe ich bei vielen Patienten, dass sie das Denken auslagern.
00:02:54: Die durchdringen gar nicht was da wirklich steht, sondern Sie geben das eigene Denken ab. Und wir wissen wie wichtig das ist, dass ein Patient, ein Mensch, seine eigenen Symptome mit seinen eigenen Worten beschreibt. Und das wird sich auch nicht ändern.
00:03:13: Wenn mir jemand im zweiten Fall sein Handy hinlegt, bin ich dann schon bisschen offener und sage: "Ok, zeigen Sie mir diese eine Stelle."
00:03:20: Meistens sind das so zwei, drei Textpassagen.
00:03:23: Und den Rest erzählen sie mir wieder einfach. Weil das gesprochene Wort mir teils viel mehr als diese niedergeschriebenen Informationen.
00:03:32: Ich glaube auch du kannst das nachvollziehen.
00:03:35: Die Patienten teilen es noch nicht, aber deswegen: Einerseits würdigen, dass sie das mitgebracht haben. Aber dann trotzdem auffordern das in eigenen Worten wiederzugeben.
00:03:48: Und wenn mir jemand sagt: "Ja, aber ChatGPT hat mir gesagt ich soll das absetzen."
00:03:52: Dann höre ich meistens erstmal zu und sage: "Okay, erklären Sie mir das mal ganz genau."
00:03:58: Da merkt man sehr schnell wer sich wirklich damit auseinander gesetzt hat oder einfach nur sagt: "Ja, das hat die KI so gesagt." Genau. Und durchaus kommt's auch vor, das ist die vierte Situation, dass die KI Horrorprognosen mitgibt und es dann zu teilweise hypochondrischen Handlungen kommt. Die Suche nach der Antwort. Und die Leute immer verängstigter sind.
00:04:27: Gibt es sogar auch schon einen Wort,
00:04:29: es heißt die Cyberchondrie. Dass die Menschen sich immer weiter in diese Ängste und in diese Prognose reindrehen und wo man ganz klar sie rausholen muss und sagt: "Stopp!
00:04:43: Ja, ich sehe das Sie sich Sorgen machen. Und wir schauen jetzt gemeinsam was davon wirklich auf sie zutrifft."
00:04:50: Und andere,
00:04:53: das ist so
00:04:54: der nächste Fall, den ich immer wieder erlebe, ist, dass Menschen sehr beschämt sind, zuzugeben, dass sie die KI befragt haben. Und dann sage ich: "Das müssen sie nicht!
00:05:07: Sie müssen sich für nichts rechtfertigen. Sie setzen sich mit ihrer Gesundheit auseinander.
00:05:13: Das ist wunderbar, dass Sie das tun.
00:05:16: Man muss das mit Vorsicht betrachten. Und lassen Sie uns schauen was da für Sie jetzt am besten umsetzbar ist und was wir nutzen können, was auch nicht."
00:05:26: Ja, und wenn jemand trotz allem immer noch festhält an der Aussage und sagt zu mir: "Aber die KI hat doch gesagt." Dann bin ich manchmal auch wirklich, man könnte sagen, so ein bisschen klarer und sage dann: "Ich verstehe, dass sie überzeugt sind.
00:05:44: Ich sehe das fachlich anders. Und ich sage Ihnen auch warum." Und dann dokumentiere ich das.
00:05:49: Ich dokumentiere immer sehr genau wie ich mit Patienten über KI gesprochen habe. Was deren Haltung war, was meine Haltung dazu ist, und dass ich deren Aussagen nicht validiere.
00:06:02: Ich kann die KI-Aussagen, KI-Diagnosentherapieempfehlung natürlich rein rechtlich in keinster Weise übernehmen.
00:06:11: Insofern, sechs Situationen, sechs Reaktionen.
00:06:15: Deine Reaktion wird wahrscheinlich komplett anders sein, angepasst an deinem Fach, an deine Persönlichkeit.
00:06:22: Vielleicht war der eine oder andere Impuls dabei, den du für dich mitnehmen kannst.
00:06:27: Ich bin sehr gespannt und würde mich freuen wenn du auch bei der nächsten Folge wieder dabei bist, wenn es um das Thema Vertrauen geht.
00:06:40: Wir sagen das immer so einfach: Vertrauen in der Arzt-Patientenbeziehung.
00:06:44: Aber was bedeutet denn das wirklich und insbesondere dann, wenn die KI mit im Raum ist?
00:06:51: Insofern freue ich mich wieder, wenn du dabei bist. Bei Fragen oder Impulsen gerne eine E-Mail an die Gelbe Liste schicken.
00:07:00: Die E-Mail-Adresse und alle weiteren wichtigen Links findest du in den Shownotes.
00:07:05: Und bis dahin wünsche ich dir alles Gute, wo auch immer du bist. Alexandra Widmer.
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