Wenn die KI recht hat und ich nicht

Shownotes

In dieser Folge berichtet Dr. Alexandra Widmer von einem realen Fall aus ihrem Praxisalltag und diskutiert ein Thema, das viele Ärztinnen und Ärzte künftig beschäftigen dürfte:

• Was passiert, wenn eine KI meine Intuition infrage stellt? • Kann KI helfen, emotionale blinde Flecken zu erkennen? • Oder besteht die Gefahr, dass wir unserem eigenen klinischen Urteil irgendwann weniger vertrauen?

Eine persönliche Folge über ärztliche Verantwortung, Bauchgefühl und die Frage, wie künstliche Intelligenz ärztliche Entscheidungsprozesse verändert und wo die Grenzen zwischen klinischer Erfahrung, Intuition und algorithmischer Unterstützung verlaufen.

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Transkript anzeigen

00:00:00: Mir gegenüber sitzt ein Patient, den ich seit einigen Jahren behandle.

00:00:04: Wir haben oft darüber gesprochen warum seine Medikation so wichtig ist. Und dann erzählt er mir vor kurzem ganz nebenbei, dass er all seine Tabletten vor einigen Wochen abgesetzt hat, ohne natürlich mit mir vorher darüber zu sprechen. Und ich merke, wie enttäuscht ich bin und ehrlich gesagt auch ein bisschen ärgerlich.

00:00:29: Hallo und herzlich willkommen bei den Praxisimpulsen, der Audiokolumne der Gelben Liste.

00:00:36: Wo es um KI und all die Veränderungen in der Arzt-Patienten-Beziehung geht.

00:00:41: Mein Name ist Alexandra Widmer, ich bin Fachärztin für Neurologie und ärztliche Psychotherapeutin und ich freue mich, dass du heute auch in dieser Folge wieder dabei bist.

00:00:52: Ja und im Gegensatz zu den vorherigen Folgen geht es heute mal um die Frage der KI und wie wir sie selbst nutzen, wenn wir über unsere eigenen Entscheidungen nachdenken

00:01:04: Und in dem Moment dachte ich, nachdem er da noch saß und fast raus ging: "Also wenn er die Medikation nicht mehr will, dann habe ich gerade eigentlich keinen Behandlungsauftrag."

00:01:16: Also hab' ich ihm einen Termin im nächsten Quartal gegeben, dreieinhalb Monate später. Dass ich verstimmt war,

00:01:22: das hat er sicherlich gemerkt. Aber ich war fest davon überzeugt,

00:01:25: dreieinhalb Monate später reicht ja. Er nimmt ja auch seine Medikamente nicht.

00:01:31: Ich merkte aber gleichzeitig, dass ich schon sehr intensiv auf den Fall reagiert habe.

00:01:37: Weil am Abend hat es mich immer noch beschäftigt, als ich zu Hause war. Und normalerweise hätte ich natürlich mit Kolleginnen und Kollegen diesen Fall besprechen können.

00:01:49: Aber dieses mal habe ich mich zuhause hingesetzt und diesen Fall, anonymisiert natürlich, mit meinem KI-Agenten, den ich entwickelt habe besprochen. Als Sparringspartner, den ich mir für schwierige Fälle gebaut habe.

00:02:05: Und dieser sagte mir ziemlich klar, dass das vielleicht zu hart war, und dass ich ihn bei seiner Vorgeschichte und im kompletten Kontext gesehen durchaus besser nach sechs Wochen wiedersehen sollte.

00:02:23: Und dann musste ich schlucken.

00:02:26: Was sollte ich jetzt tun?

00:02:28: Mein Gefühl war ein anderes. Ich wusste es war zu viel.

00:02:31: Aber die KI sagte etwas anderes und ihre Argumente waren wirklich plausibel und nachvollziehbar.

00:02:38: Also habe ich den Patienten am nächsten Morgen einberufen und ihn nach sechs Wochen eingestellt.

00:02:44: Wenn ich auf heutige Sicht darauf schaue, war da wirklich mehr im Spiel als Ärger.

00:02:51: Ich hatte mich in diesen einen Gedanken verbissen ohne Medikation kein Auftrag zu haben und alles andere passend dazu gesehen. Also ein klassischer Conformation-Bias ausgerechnet bei einem Patienten, den ich so gut kenne.

00:03:06: Dabei hätte er ja gerade nach dem Absetzen eher mehr Begleitung gebraucht. Und für ihn konnte sich dieser späte Termin natürlich auch wie so eine Art Rückzug von mir anfühlen.

00:03:20: Und trotzdem frage ich mich, ob meine erste Reaktion wirklich nur falsch war.

00:03:26: Ich finde in einer langen Behandlung darf auch ein Patient spüren, dass seine Entscheidungen etwas auch mit uns machen.

00:03:33: Und die KI kennt ihn ja gar nicht. Sie kennt ja nur meine Schilderung. Und die war an dem Abend, wo ich da mit meinem Sparrings-Partner sprach, natürlich auch von meiner Stimmung gefärbt, obwohl ich da schon wieder sehr neutral war.

00:03:49: Der Deutsche Ärztetag hat es im Jahr 2025 auch noch mal klar gesagt, und auch immer wieder, dass die Entscheidung und die Verantwortung immer bei uns bleiben, auch wenn wir KI nutzen.

00:04:01: Entschieden habe also ich. Und genau deswegen lohnt es sich darauf zu achten, wie wir die KI nutzen. Und viele von uns nutzen sie. Und viele dieser Sprachmodelle geben uns natürlich gerne recht.

00:04:17: Und deswegen frage ich zunehmend gerne, und vielleicht ist das ja auch etwas für dich, was du mitnehmen kannst, falls du es noch nicht machst:

00:04:26: Was spricht gegen meine Entscheidung?

00:04:30: Und das ist auch die Frage, die ich dir heute mitgeben möchte.

00:04:36: Wenn du das nächste Mal mit einer KI sprichst oder die dir etwas empfiehlt, frag dich einmal: Sehe ich hier etwas, das ich wirklich übersehen habe?

00:04:48: Oder suche ich nur eine Bestätigung für das, was sich ohnehin schon denke?

00:04:52: Was spricht gegen meine Entscheidung und was hab' ich eventuell übersehen? Und damit sind wir am Ende dieser Audiokolumne.

00:05:01: Ich bin gespannt, was du mir schreibst.

00:05:03: Welche Fragen du nutzt und was dir schon aufgefallen ist.

00:05:07: Wo schwangst du zwischen einer KI-Answort und deinem Bauchgefühl, deinen Leitlinien, deiner klinischen Erfahrung?

00:05:15: Lass mich gerne daran teilhaben!

00:05:16: Ich freue mich von dir zu hören.

00:05:18: Schreibt gerne an die Audiokollumne. Die E-Mail-Adresse und alle weiteren Informationen findest du in den Show Notes. Und damit sehen wir uns bald wieder zur nächsten Folge.

00:05:31: Alles Gute und bis dahin, Alexandra!

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